Erstes Großserien-Auto der Tschechen

55 Jahre Skoda 1000 MB

Die erste große Serie von Skoda: Der 1000 MB. Bild: Skoda
Die erste große Serie von Skoda: Der 1000 MB. Bild: Skoda

Der Skoda 1000 MB zählt zu den prägendsten Modellen in der 124-jährigen Geschichte des Herstellers in Mladá Boleslav. Im Frühling 1964 löste er den beliebten Skoda Octavia mit Frontmotor und Heckantrieb ab und begründete die Ära der Skoda Modelle mit selbsttragend konstruierter Karosserie und Heckmotor. Der 1000 MB verfügte über einen seinerzeit sehr modernen 1,0-Liter-Vierzylindermotor, zudem war die Karosserie konstruktionsbedingt besonders leicht. Das fortschrittlich gestaltete Modell lief in einem neuen Teil des ŠKODA Werks in Mladá Boleslav vom Band. In der Fertigung kamen Spitzentechnologien zum Einsatz, zum Beispiel ein zur damaligen Zeit spezielles Aluminium-Druckgussverfahren.

Umfassende Erweiterung des Werks Mladá Boleslav
Mehr als 300 Unternehmen, davon 134 aus dem Ausland, hatten sich am Bau und an der Ausrüstung der über 40 Hallen und weiterer Gebäude beteiligt. Dabei war eine der modernsten Automobilfabriken entstanden, die auch über die Grenzen der sozialistischen Länder hinaus Zeichen setzte. So zog sich ein neues, 13 Kilometer langes Straßennetz durch das 80 Hektar große Gelände, hinzu kamen zehn Kilometer Eisenbahngleise – die zu einem Rangierbahnhof führten – und elf Kilometer Gehängeförderer. Die viertürige Karosserie des 1000 MB bestand aus 665 Pressteilen und wurde mit 6.900 Schweißpunkten zusammengesetzt.

Für Zylinder- und Kurbelgehäuse des Motors sowie das handgeschaltete Vierganggetriebe setzte ŠKODA eine Aluminiumlegierung sowie ein spezielles Aluminium-Druckgussverfahren ein, das in Europa einzigartig war. Es basierte auf einem Patent des tschechischen Ingenieurs Josef Polák aus dem Jahr 1922. Zugleich kam das intelligent gestaltete, nur 105 Kilogramm schwere Zylinder- und Kurbelgehäuse ohne die Bohrung von Öffnungen aus – es genügte, Gewinde in die Gussteile zu schneiden. Dies trug zu verkürzten Fertigungszeiten und niedrigerem Energieverbrauch bei.

Tests unter extremen Bedingungen in der damaligen Sowjetunion
Die neue Generation der Fahrzeuge trug in der Entwicklungsphase noch die Bezeichnung NOV (Nový Osobní Vůz – neuer Personenwagen). Vor dem Serienanlauf wurde sie auf Herz und Nieren geprüft. Allein bis Mai 1962 legten 50 Prototypen insgesamt 1.598.840 Kilometer zurück, unter anderem bei extremer Kälte auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion. Die Tests des Brems-, Kraftstoff- und Kühlsystems fanden im Kaukasus statt, wo sich drei Fahrzeuge extremen Temperaturen von bis zu minus 45 Grad Celsius stellen mussten.

Die endgültige Typbezeichnung des viertürigen Stufenheckmodells Š 1000 MB setzte sich aus dem auf 1.000 cm3 gerundeten Hubraum sowie MB als Verweis auf die Produktion im Stammwerk von ŠKODA am Unternehmenssitz in Mladá Boleslav zusammen.

Der Kompakte mit selbsttragender Karosserie
Von seinem erfolgreichen Vorgänger, dem auf einem Rahmen basierenden OCTAVIA mit Frontmotor und Heckantrieb, setzte sich der ŠKODA 1000 MB mit einem völlig neuen Konzept grundlegend ab: Er besaß eine selbsttragende Karosserie mit Einzelradaufhängungen rundum. Dank dieser fortschrittlichen Konstruktion und dem intensiven Einsatz von Aluminiumlegierungen brachte das Familienauto nur 755 Kilogramm auf die Waage.

Der wassergekühlte OHV-Reihen-Vierzylinder wanderte ins Heck und trieb ebenfalls die Hinterachse an. Aus einen Hubraum von 988 cm3 entwickelte der leichte Motor in der ersten Phase 27 kW (37 PS). Damit erreichte das moderne Fahrzeug eine Spitzengeschwindigkeit von 120 km/h bei einem seinerzeit sehr günstigen Verbrauch von 7 bis 8 Litern Benzin auf 100 Kilometer. 1966 stieg die Leistung auf 32 kW (43 PS) und mit dem ŠKODA 1100 MB kam eine zweite Motorvariante hinzu, die aus 1,1 Liter Hubraum 38 kW (52 PS) schöpfte. Die seltene zweitürige Version MBX ist heute unter Oldtimersammlern besonders begehrt.

Simply Clever und mit viel Liebe zum Detail
Mit dem 1000 MB gelang auch dem Design von ŠKODA ein großer Schritt nach vorne und entwickelte das klassische, in den 1960er-Jahren typische Dreiraum-Layout der Karosserie mit zeitloser Eleganz weiter. Die große Panoramaheckscheibe verbesserte die Rundumsicht nach hinten. Von der Liebe zum Detail zeugt auch die Gestaltung des Tankeinfüllstutzens: Er wurde im rechten Kotflügel simply clever von einem schwenkbaren ŠKODA Emblem verborgen.

Trotz seiner kompakten Abmessungen (Länge 4,17 m, Breite 1,62 m und Höhe 1,39 m) begeisterte der ŠKODA 1000 MB mit geräumigem und funktionalem Interieur. Serienmäßig bot er beispielsweise die Möglichkeit, die Sitze zu einer mobilen Übernachtungsmöglichkeit umzugestalten. Der Wagen überzeugte mit zwei Kofferräumen, einem hinter den Rücksitzen, der auch während der Fahrt zugänglich war und einem im Vorderwagen. Dieser fasste 220 Liter Gepäck und saß oberhalb des Reserverads. Um dieses zu erreichen, musste lediglich ein Teil der Frontpartie vorgeklappt werden – ohne vorher das Gepäck zu entladen.

Internationales Aufsehen: Premieren in Brünn, Paris und London
Das Ende der OCTAVIA-Produktion markierte am 11. April 1964 in Mladá Boleslav den Startschuss für die ŠKODA 1000 MB-Fertigung. Im September desselben Jahres trat die Neuerscheinung auf der traditionellen Maschinenbaumesse in Brünn vor die breite Öffentlichkeit, im Oktober wurde der Kompakte auf den Automobilausstellungen in Paris und London vorgestellt. Ab Mai 1965 rollten bereits mehr als 1.000 Fahrzeuge pro Monat vom Band, gegen Jahresende konnte das Unternehmen die Tagesproduktion auf mindestens 150 Einheiten hochfahren – somit handelte es sich beim 1000 MB um das erste echte tschechische Großserienfahrzeug. Mehr als die Hälfte der 443.000 Exemplare, die ŠKODA von 1964 bis 1969 baute, ging in mehrere Dutzend Länder weltweit. 1965 zum Beispiel erreichte die Exportquote 70 Prozent. Dabei ergab sich die hohe Nachfrage aus dem Ausland auch aus den Erfolgen, die der 1000 MB bei berühmten Rallyes einfuhr.
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