Legende Fiat Topolino

1936 legt der Fiat 500 den Grundstein für die Kleinwagen-Historie der Marke

Fiat Topolino - Urahn der Marke (Bild: Fiat Deutschland)
Fiat Topolino - Urahn der Marke (Bild: Fiat Deutschland)

Der Wunsch von Giovanni Agnelli an die Fiat Entwicklungsabteilung ist mehr als ungewöhnlich. „Il Senatore“, wie Agnelli respektvoll genannt wird, fordert von den Technikern ein kleines, sparsames und vor allem bezahlbares Auto. Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts ein beinahe schon revolutionärer Gedanke. Zu dieser Zeit ist das Automobil noch immer ein Privileg der so genann­ten gehobenen Gesellschaftskreise. Auch die Modellpalette von Fiat bietet in ers­ter Linie luxuriöse Automobile, selbst vom vergleichsweise kleinen Fiat Balilla kann der normale Arbeiter nur träumen.

Agnelli beauftragt eine Mannschaft mit der Entwicklung des ersten Fiat Kleinwa­gens, die normalerweise mit wesentlich größeren Objekten beschäftigt ist – mit Flugzeugen. An der Spitze steht ein zu dieser Zeit noch unbekannter, 28 Jahre alter Ingenieur und Konstrukteur namens Dante Giacosa. Dieser entscheidet sich für einen Vierzylinder-Viertaktmotor – ähnliche Projekte der ausländischen Konkurrenz bauen auf Zweitakt-Technik – mit wenig mehr als 500 Kubikzentimetern Hubraum. Statt des technisch noch nicht ausgereiften Frontantriebs erhält der „Zero A“ (für „Aviazione“) genannte Prototyp Heckantrieb. Rodolfo Schaeffer entwirft eine zweitürige, schnör­kellose Karosserie mit zeitgemäß aufgesetzten Frontscheinwerfern und auf dem Heck befestigtem Ersatzrad.

Im Februar 1934, nach zwölfmonatiger Entwicklungszeit, präsentiert Giacosa den „Zero A“ der Fiat Geschäftsführung. Agnelli ist begeistert und genehmigt die Serienproduktion. Im Turiner Stadtteil Lingotto entsteht dazu ein modernes und architektonisch außergewöhnliches Werk. Der fünfgeschossige Bau mit der Teststrecke auf dem Dach, in dem Fiat nun ganz auf die noch neue Fließbandtech­nik setzt, schreibt Industriegeschichte und wird zu einem Monument der Automobilhistorie.

Im Juni 1936 wird die inzwischen auf den Namen Fiat 500 getaufte Neuentwicklung der staunenden Öffentlichkeit vorgestellt. Manche ahnen, dass der 3,21 Meter lange Zweitürer das Leben auf Italiens Straßen verändern wird. Plötzlich kann sich jeder Normalverdiener ein Auto leisten. Schnell bürgert sich der Spitzname „Topolino“ (Mäuschen, gleichzeitig der italienische Name der Walt-Disney-Comicfigur Micky Maus) für den keck aus großen Scheinwerfern in die Welt schauenden Winzling ein. Der Grundstein ist gelegt für eine bis ins 21. Jahrhundert reichende Fiat Tradi­tion im Bau von pfiffigen Kleinwagen, die vom Fiat 500 über den Nuova Fiat 500 und den Fiat Cinquecento bis zum Fiat Panda reicht.

Der von 1936 bis 1948 in zwei Serien – einziger Unterschied sind geänderte Federn an der Hinterachse – gebaute Fiat 500 A erobert die Straßen im Sturm. Sein 569-Kubikzentimeter-Motor leistet 10 kW (13 PS), mit denen immerhin 85 km/h Höchstgeschwindigkeit möglich sind. Der vor der Vorderachse platzierte Vier­zy­linder wartet mit einigen technischen Besonderheiten auf. So liegt der Kühler hinter dem Motorblock und deutlich höher. Dadurch spart Ingenieur Giacosa die Wasser­pumpe ein – die Kühlung erfolgt nach dem Thermosyphon-Prinzip. Auch eine Kraft­stoffpumpe ist überflüssig, das Benzin fließt durch die Schwerkraft von selbst aus dem über dem Vergaser angeordneten Tank. Der Zylinderkopf ist mit seitlich lie­genden Ventilen robust konstruiert. Das Bordnetz arbeitet mit 12 Volt!

Auch das Fahrwerk zeigt sich mit Einzelradaufhängungen an der Vorderachse und hydraulischen Stoßdämpfern ringsum sehr fortschrittlich. Die dritte und der vierte Schaltstufe des Viergang-Getriebes sind synchronisiert, nur die ersten beiden Gänge müssen mit Zwischengas geschaltet werden. Der Schalthebel liegt für die Zeit ungewohnt zwischen den Sitzen und nicht am Lenkrad. Die hintere Sitzbank bietet Platz für bis zu 50 kg Gepäck oder zwei Kinder. Während die meisten Kun­den auf die aufpreispflichtigen Stoßstangen verzichten, erweist sich eine andere Option als nahezu 100%iger Treffer – das große Rolldach. Rund 122.000 Exemp­lare des Ur-Topolino werden gebaut.

Nur zwei Jahre lang (1948 bis 1949) und in geringerer Stückzahl (rund 21.000) wird der Fiat 500 B gebaut. Karosserie und Fahrwerk bleiben nahezu unverändert. Allerdings wird der Motor überarbeitet. Obenliegende Ventile heben die Leistung auf 12 kW (16,5 PS) an, die Höchstgeschwindigkeit steigt auf 95 km/h. Ebenso bemer­kenswert wie die verbesserte Motorleistung ist die Einführung einer zusätzlichen Karosserie­variante: Der Fiat 500 Giardiniera Belvedere verfügt über ein aus Holz und Kunststoffverkleidungen aufgebautes Kombi­heck und Platz für vier Erwachsene – er gilt als Urvater aller Mini-Kombis.

Endgültig zum Großserienfahrzeug mausert sich das „Mäuschen“ mit der Einfüh­rung der C-Variante. Über 376.000 Exemplare von Limousine (Berlinetta) und Kombi (zunächst als Giardiniera, ab 1951 als Belvedere mit nun komplett aus Metall gefertigter Karosserie) werden von 1949 bis 1955 gebaut. Mechanisch nur wenig verändert, präsentiert sich der Fiat 500 C mit grundlegend überarbeiteter Karosserie. Sie erinnert stark an amerikanische Vorbilder – allerdings bei einer Länge von 3,24 Meter eher im Maßstab 1:2. Als erster Fiat überhaupt erhält die finale Topolino-Version ein Heizungssystem, das die Warmluft des Kühlers nutzt. Trotz eines nun aus Aluminium gegossenen Zylinderkopfes bleiben Motor- und Fahrleistungen unverändert.

Abgelöst wird der als Topolino zur Legende gewordene Fiat 500 gleich von zwei, ebenfalls von Dante Giacosa konstruierten Nachfolgern – dem Fiat 600 (ab 1955) und dem Nuova Fiat 500 (ab 1957).
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